Stefan Horvath

Stefan Horvath gehört zu den Burgenland-Rom_nija und wurde 1949 in der zweiten Roma-Siedlung in Oberwart geboren. Seine drei Hauptwerke sind Ich war nicht in Auschwitz (2003), Katzenstreu (2007) und Atsinganos. Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen (2013).

Ein tragisches Ereignis in seinem Leben motivierte ihn dazu, zur Stimme der Oberwarter Rom_nija zu werden. Am 4. Februar 1995 verlor er seinen Sohn bei dem von Franz Fuchs verübten Attentat, welches auch das Leben dreier weiterer junger Männer forderte. Dieses traumatische Erlebnis und die Auswirkungen, die es auf sein Leben hatte, schildert er im Buch Katzenstreu. Der Titel wurde gewählt, weil ein Teil der Bombe, die den vier Männern das Leben kostete, aus einem Katzenklo bestand. Auf 98 Seiten versucht Horvath sein Trauma zu beschreiben, aufzuarbeiten und zu überwinden. Den Rahmen hierfür bilden Träume, fiktive Geschichten, das Leid und die Geschichte eines ganzen Volkes, und seine persönlichen Gefühle. Er lässt den Leser tief in sein Inneres und teilweise auch in die seelischen Abgründe der beschriebenen Figuren blicken.

Die Handlung gliedert sich in vier Erzählebenen: Zum einen ist da Stefan Horvath selbst, der die Geschehnisse des 4. Februars 1995 schildert bis hin zu seinem an diesem Tag beginnenden Kampf gegen den Dämon, der ihm immer wieder in seinen Träumen erscheint und ihn herausfordert.

In einem weiteren Erzählstrang versetzt sich der Autor in den Mörder und versucht, dessen Innenleben nachzuempfinden. Sein einsames Leben, seine düsteren Gedanken bis hin zur Vorbereitung des Attentates.

Demgegenüber stehtim dritten Handlungsstrang, die Geschichte der Eltern des Mörders, die ahnen, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt, bis hin zur brutalen Gewissheit, dass ihr eigen Fleisch und Blut der von der Polizei gesuchte Attentäter ist.

Die vierte Handlungsebene spielt sich in einem Gasthaus inmitten einer Herrenrunde ab, die sich zum Kartenspielen trifft. Diese Leute diskutieren immer wieder über die Vorfälle in Oberwart und symbolisieren mit ihren unterschiedlichen Meinungen (von liberal über gleichgültig bis hin zu rassistisch) die Mehrheitsgesellschaft und ihre unterschiedlichen Ansichten und Positionen. Jene die leugnen, dass das Attentat von Franz Fuchs verübt wurde und glauben, dass die vier Roma Opfer einer internen Fehde waren stehen denen gegenüber, die Mitgefühl empfinden und auf der Seite der Rom_nija stehen. Der Gesellschaft wird ein Spiegel vorgehalten.

Besonders hervorzuheben ist aber auch der autobiografische Teil der Erzählung. Sein Kampf mit den Erinnerungen, mit dem Verlust und der Trauer manifestiert sich in einer direkten Auseinandersetzung mit dem Mörder selbst.

Atsinganos

Stefan Horvath berichtet über die Roma-Siedlungen, die es in Oberwart gab:

Die erste bestand wahrscheinlich von 1857 bis 1945. Hier siedelten sich die ersten Oberwarter Roma an. Verortet war die Siedlung am Rand der Gemeinde.  

Nach dem Ende des Nationalsozialismus wies die Gemeindeverwaltung den noch lebenden Rom_nija beziehungsweise den Überlebenden der Konzentrationslager eine „neue“ Siedlung zu. Dabei handelte es sich um eine Baracke „die frappant den Baracken der Konzentrationslager“[1] ähnelte. Es gab weder genug Platz für alle – hier lebten nicht nur Rom_nija, sondern auch als „asozial“ geltende Nicht-Rom_nija wurden gezwungen, sich in der Baracke „niederzulassen“ – noch Wasser oder Strom. Erst durch den Rechtsanwalt Dr. Emil Szymanski, der sich für die Rom_nija und ihr Recht auf Entschädigungszahlungen als Opfer der Nationalsozialisten einsetze, konnte man beginnen, bescheidene Häuser zu bauen – jedoch gab es auch in den neuen Bauten weder Strom noch Wasser.

In dieser Siedlung spielt sich ein Großteil der Erzählung von Atsinganos ab. Stefan Horvath beschreibt die einzelnen Häuser und ihre Bewohner und erzählt ihre Lebensgeschichten, die ansonsten wohl nie gehört worden wären. Er berichtet von „Alltagsproblemen“ bis hin zu furchtbaren Erinnerungen an die Konzentrationslager. Man bewegt sich als Leser gebannt zwischen Banalitäten (Kindereien oder Streiche) und nicht zu fassender Tragik.

Das vierte und letzte Kapitel ist ein autobiografischer Teil. Stefan Horvath erzählt nun seine Geschichte, nachdem er die Geschichten aller Siedlungsbewohner geschildert hat. Ein Leben, das überschattet war von den Erlebnissen seiner Vorfahren, der Depression und Hilflosigkeit, die sich breit machte, nachdem zwar der Nationalsozialismus zu Ende war, die Mehrheitsgesellschaft jedoch die „Zigeuner“ nach wie vor nicht akzeptierte und ablehnte. Das Leben als Außenseiter, ein Anschlag, der vieles geändert, aber vielleicht doch zu wenig verändert hat und Erinnerungen, die man einfach nicht vergessen kann. Stefan Horvath verarbeitet all dies in seiner Literatur. Es ist eine Ver- und Aufarbeitungsliteratur, die nichts beschönigt und die wachrüttelt, die berührt und erschreckt.

 

[1] Ebd. Seite 14

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